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Jenseits der Macht - Rede von Sigi Benker
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Räte Landauers Grab 1925-1933 Landauers und Eisners gemeinsames Grab heute Sigi Benker
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Am Anfang des 21. Jahrhunderts wird die Gedankenwelt eines Mannes aktuell, der am Anfang des 20. Jahrhunderts ermordet wurde. Ein Streifzug durch das Denken und Handeln Gustav Landauers.
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Eine fehlgeschlagene konkrete Utopie ...

Auf dem Krankenbett liegend erreichte Gustav Landauer am 14. November 1918 ein Brief Kurt Eisners: "Kommen Sie, sobald es Ihre Gesundheit erlaubt. Was ich von Ihnen möchte ist, daß Sie durch rednerische Betätigung an der Umbildung der Seelen mitarbeiten." Diesen Brief bekam Landauer nicht von ungefähr. War er doch einer der raren Intellektuellen, die den Weltkrieg von Anfang an abgelehnt und bekämpft hatten.

Das hatte Gustav Landauer in den Jahren von 1914 - 1918 politisch noch einsamer gemacht, als er schon war. Nur mühselig konnte er sich mit literarischen Vorträgen zu Shakespeare oder Goethe über Wasser halten. Als die Ernährungslage in Berlin schlechter wurde, ging er mit seiner Familie nach Krumbach in Schwaben, zu Verwandten seiner Frau. Nur selten ist seine politische Stimme in der Zeit des Krieges zu vernehmen gewesen. Kurt Eisner, der intellektuelle Führer der Bayerischen Revolution hatte ihn trotzdem nicht vergessen. Zu wenige Intellektuelle hatten es geschafft, sich der Kriegshysterie zu entziehen, als daß Gustav Landauer nicht in Erinnerung geblieben wäre.

Der Mann, der am Abend des 15. November 1918, eine Woche nach der Revolution am Hauptbahnhof aus dem Zug stieg, hatte kein halbes Jahr mehr zu leben. Gegen Mittag des 2. Mai 1919 trampelten ihn Soldaten der sogennanten "Weißen Truppen" im Gefängnishof von Stadelheim zu Tode und raubten seinen Leichnam aus. Die Nationalsozialisten zerstörten noch im Frühjahr 1933 seine Grabstätte und warfen seine Knochen mit denen Eisners gemeinsam in ein Grab auf dem jüdischen Friedhof im Münchner Norden - wo sich diese beiden Utopisten einer anderen Zeit noch immer ein Grab teilen. Welch ein Haß muß diesen Menschen verfolgt haben, daß es seinen Feinden noch 15 Jahre nach seinem Tod wichtig war, sein Grab zu schänden.

Wo Landauer in München während der Räterevolution auftauchte, entstand kreative und politische Unruhe. Ein Leben lang hatten sich seine politischen Überzeugungen gebildet und verfeinert. Abseits vom Kampf der Gewerkschaften oder dem Aufbau der Sozialdemokratie, der USPD oder der KPD hatte er seine Vorstellungen vom Sozialismus entwickelt. In München trat er als wortgewaltiger und glühender Redner auf. Auch politische Gegner und Feinde mußten seine rhetorische Begabung fürchten und achten. 1918, im Alter von 48 Jahren, gab es bei ihm keine Differenz zwischen Denken, Überzeugung und Handeln mehr. Von der Richtigkeit seiner Ansichten und seines Glaubens an Veränderung durchdrungen überzeugte er durch Charisma und Wissen.

Landauer trat für seine Überzeugungen, die sich in langen Prozessen gebildet hatten, kompromißlos ein. Sein Denkansatz war so grundlegend anders und radikal, so abseits der eingefahrenen Wege, daß er mit seinem Handeln erbitterten Haß auf sich zog. Landauer wurde in der Revolution zur Projektionsfläche aller Ängste und Wünsche des rechten Kleinbürgertums und der Soldateska. Weil er nicht einzuordnen war, weder als aufrechter Kommunist (solche Leute stellte man als Feinde an die Wand) noch als wankelmütiger Sozialdemokrat, (solche Leute ließ man in der Regierung weil sie links die Faust zeigten und dann mit rechts zuschlugen), weil er nicht weniger als die geistige Befreiung des Menschen im Sinn hatte und weil sie ihn nicht verstanden, verbanden sie den Namen Landauer mit allen Schrecken der Zügellosigkeit: die Frauen soll er sozialisiert und Mord, Geiselnahme und Brandschatzung befohlen haben. Nichts davon war wahr.

Landauer trat in der Revolution in Bayern für eine reine Rätedemokratie ein. Er lehnte die Wahlen zum Bayerischen Landtag und zur Nationalversammlung ab. Die Verwaltung und Kontrolle der Gesellschaft in einer reinen Räteorganisation kam seinen Vorstellungen von in Basisorganisationen zusammengeschlossenen Menschen am nächsten. Von den Kommunisten unterschied ihn u. a. die Frage der Besetzung der Räte: während die Kommunisten unter Levine die Räte als Instrument zur Errichtung einer Diktatur des Proletariats ansahen und nur Kommunisten als Rätemitglieder akzeptierten, wollte Landauer alle gesellschaftlichen Gruppen in Räten organisiert sehen - dementsprechend standen in seinem Modell die Räte allen Menschen offen. Er wollte auch keine Verstaatlichung der Industrie, sondern die Überführung der Produktionsstätten in Genossenschaften.

Nach der Ermordung Eisners am 21. Februar 1919 wurde er noch mehr als zuvor zum Wortführer der Räterevolution und war Volksbeauftrager für Volksaufklärung in der sog. anarchistischen Räterepublik. An der zweiten Räterepublik unter Leitung der Kommunisten nahm er nicht mehr teil: "Ich verstehe unter dem Kampf, der Zustände schaffen will, die jedem Menschen gestatten an den Gütern der Erde und der Kultur teilzunehmen etwas anderes als Sie." - schreibt er am 16. 4. 1919 an den Aktionsausschuß der zweiten Räterepublik. Warum hatten sich Landauer und die Kommunisten nichts zu sagen?

... und der Traum dahinter

Die wirkliche Freiheit beginnt für Landauer erst jenseits der Macht und jenseits der Fremdbestimmung. Landauer kam aus der Tradition der jüdischen Mystik und der deutschen Romantik. Die Mystik als Glaube an das Göttliche im Menschen und die Romantik als Gegenentwurf zur Moderne vereinigen sich bei Landauer zum Gedankengebäude eines Sozialismus, den alle Menschen verwirklichen können und der jederzeit beginnen kann.

Durch die Studien der Schriften des Meister Eckehart (er hat sie ins Neuhochdeutsche übersetzt) und der jüdischen Mystiker hat sich bei Landauer der Glauben verfestigt, daß Gott in jedem Menschen existiert. Die Mystiker kennen keinen Schöpfungsakt. In ihren Vorstellungen ist Gott deshalb von seinen Geschöpfen auch nie getrennt worden. Wenn ein solcher Schöpfungsakt aber nie stattgefunden hat, dann sind alle Teil des göttlichen Geistes. Dann gibt es nur Gleichberechtigung. Dann gibt es zwischen den Menschen keine Hierarchien. Es gibt auch keinen Gott über den Menschen.

Der Mensch kann auch nicht erwarten oder hoffen, daß Gott ihn nach seinem Tode wieder in sein Reich führen wird. Die Verwirklichung des göttlichen Funkens im Menschen ist die Lebensaufgabe jedes einzelnen. Es gilt, alle Abstraktionen zu bekämpfen, die das Göttliche im Menschen abtöten wollen oder die das Ausbilden des Göttlichen (und damit des wirklich menschlichen) auf morgen oder nach dem Tod verschieben wollen. Die Verwirklichung unbedingter Gleichheit der Menschen muß sofort geschehen. Ergebnis dieser Überlegungen ist auch die vollkommene Gewaltfreiheit, denn jedes Leben hat den gleichen Wert.

"Der Staat ist immer organisierter Übergriff"

Jenseits der Macht beginnt für Landauer nicht die Machtlosigkeit, sondern das Reich der Freiheit. Die Macht ist Teil des Reiches der Abstraktion. Die Machterhaltungsmaschinerien wie Parteien und Parlamente sind Teile dieser Abstraktion, die nie den einzelnen Menschen meint, sondern immer nur den Menschen als abstrakten Staatsbürger. Der Mensch, der vom Staate gefressen hat - wie sein Feund Mühsam es einmal audrückte - der stirbt daran. Er entfernt sich vom konkreten Leben, Denken, Fühlen und Handeln. Er läßt die Abstraktionen in sich hinein. Der Mensch mit seinem Wollen wird in die Abstraktionen des Staatswesens, des Nationaldenkens, des Ordnungsdenkens, also des Denkens in übergeordneten Begriffen, hineingezogen. Der Mensch ist nicht mehr er selbst. Seine Beziehungen und Gruppen, in denen er lebt und arbeitet sind nicht die, die er sich aufbauen würde, sie sind vielmehr an abstrakten Abläufen orientiert. Die Abstraktion tötet das Menschliche, das Unmittelbare, das, was den Menschen Menschen sein läßt. Er erfährt niemals den wirklichen Sozialismus, den die Menschen in der Gruppe errichten könnten.

Der Marxismus, der Kommunismus ist hier keine Rettung. Marxismus und Sozialismus sind für Landauer unversöhnliche Gegensätze: der Marxismus als Staatskommunismus will ebenfalls die Abstraktion des Staates um Gerechtigkeit und Gleichheit durch den Staat zu regeln und zu kontrollieren. Der Marxismus redet den Arbeitern ein, daß das Reich der Freiheit auf der Grundlage eines wissenschaftlichen Sozialismus kommen würde. Die Proletarierer als Träger der neuen Gesellschaftsordung des Staatskommunismus würden in einem solchen Staat die Macht erhalten. Damit wird der Marxismus für Landauer zur staats- und kapitalismuserhaltenden Doktrin: alles Dahinvegetieren in Fabriken und am Fließband, das Leben in Mietskasernen und die Ausbeutung sind dem Marxismus notwendige Leiden der "auserwählten" Klasse vor der Erringung des Sieges. Der Marxismus verhindert die Veränderung. Er ist vielmehr die säkularisierte Religion, die die Arbeitermassen auf das Morgenrot warten läßt. Der Marxismus stellt für Landauer das quasi religiöse Element dar, welches dem Leiden im Kapitalismus erst Sinn verleiht. Die Erlösung aus diesem Leiden wird auf den bestimmt kommenden "richtigen historischen Zeitpunkt" verlegt.

Aber auch wenn der Staatskommunismus kommen würde, hätte er nach Landauer alles andere im Sinn als die Befreiung des Menschen und die Menschwerdung zu ermöglichen. Im Gegenteil. Im Namen der Freiheit würde die allgemeine Unfreiheit einsetzen. "Noch ist hinzuzufügen, daß der Marxist, wenn er besonders kühn sein Stroh träumt, daß er dann seinen Zentralismus und seine Wirtschaftsbürokratie über die heutigen Staaten hinaus ausdehnt und von einer Weltbehörde für die Anordnung und Befehligung der Produktion und Verteilung der Güter spricht. Diese Weltproduktionsbehörde wird einmal in jedes Töpfchen gucken und das Quantum Schmieröl für jede Maschine in ihrem Hauptbuch stehen haben." Die Diktatur des Proletariats ist die Umschreibung für die Diktatur einer Partei. All dies schrieb Landauer aufgrund seines Studiums des Marxismus im Jahre 1911, als ihm noch alle real - existierenden Sozialismusmodelle fehlten.

Den Marxisten war Landauer ein erbitterter Gegner - denn sie versprechen seines Erachtens Sozialismus, meinen aber nur neue Herrscher. Doch auch der kapitalisitische Staat ist Gegner, denn er verspricht Freiheit, meint aber nur die Freiheit der Teilhabe am kapitalistischen Produktions- und Konsumtionsprozeß. "Was immer auch die Arbeiter, was irgendein Mensch im Gefüge des Kapitalismus tut, alles verwickelt ihn nur immer tiefer und fester in die kapitalistische Verstrickung. In dieser Rolle sind die Arbeiter Teilhaber am Kapitalismus , wenn auch ihre Interessen nicht von ihnen, sondern von den Kapitalisten eingeheimst werden, wenn sie auch in allem Wesentlichen nicht die Vorteile, nur die Nachteile des Unrechts, in das sie gestellt sind, ernten."

Die Moderne war für Gustav Landauer das Durchdringen jedes einzelnen realen Lebens mit den Abstraktionen und angeblichen Notwendigkeiten einer kapitalistisch und willkürlich organisierten Gesellschaft. Jeder Mensch ist immer mehr einem unfreien Denken, welches sich in den Bahnen der Staatskonformität, der Produktion und der Warenwelt entwickelt, unterworfen. Der Entfremdung von der Natur, der Aufteilung des Lebens in Lebenssphären, in soziologische Größen, all dem wollte sich Landauer entziehen. Landauer wollte, daß sich die Menschen in Bünden - hier kommt die alte jüdische Idee des Bundes zum Tragen - zusammenschließen. Er wollte gemeinsames Leben, arbeiten und produzieren. Er wollte eine Gesellschaft, die nur aus Bünden von Bünden von Bünden besteht. Er wollte den Ausstieg aus dem Staat. Emanzipation gibt es nur dadurch, "daß die Arbeiter aufhören, ihre Rolle als Kapitalistproduzenten zu spielen. Befreiung gibt es nur für die, die sich innerlich und äußerlich instand setzen, aus dem Kapitalismus auszutreten , die aufhören, eine Rolle zu spielen und beginnen Menschen zu sein".

Das Ende der sozialistischen Staatsmodelle nach 1989 schafft jetzt den Freiraum, die Sozialismusvorstellungen Gustav Landauers wieder genauer zu betrachten. Nur wer mit dem sezierenden Blick eines Sozialisten wie Gustav Landauer die Staatssozialismusmodelle des 20. Jahrhunderts hinter sich läßt, der kann Sozialismus überhaupt erst wieder als humane Alternative denken. Doch noch ein zweites ist notwendig, um Raum für staatsfernes und solidarisches Handeln zu schaffen: auch der kapitalismuszähmende Staat der sozialen Marktwirtschaft ist in Zeiten der Globalisierung auf dem Rückzug. Die Sozialdemokratie und die Liberalisierer der Märkte bei Konservativen und bei Grünen überschlagen sich darin, den Staat den deregulierten Verhältnissen anzupassen. Da werden soziale Netze zu Fesseln der Marktwirtschaft und Ökologie zum Standortnachteil.

Staatsfern und solidarisch

Nach dem Zusammenbruch des einen und der Schwächung des anderen Staatsmodells ist die Suche nach einem Dritten Weg, der diesen Namen wirklich verdient, wieder hochaktuell.

Denn neben dem Marktgeschehen baut sich eine Zivilgesellschaft auf, für die eine große Chance besteht: außerhalb der Marktgängigkeit und damit außerhalb der Interessen des weltweit agierenden Kapitals steigen Menschengruppen aus den Verwertungsprozessen aus. Dieser Ausstieg war sicherlich nicht immer freiwillig. Und viele Menschen wollen lieber wieder in den Verwertungsprozeß hinein, als sich in einem dunklen Sektor zu befinden, der gerade erst anfängt eine auch produzierende Zivilgesellschaft zu begründen, in der der Staat, die Parteien oder andere Abstraktionen nur noch als notwendige Übel vorkommen, von denen sich aber kaum noch jemand wirklich Rettung verspricht.

Wir können mit der Selbstorganisation hier und heute und jetzt beginnen. Ein Leben ohne Chef und Staat kann hier und sofort anfangen. Die Zukunft wird solche Strukturen brauchen, wollen wir nicht einen Rückfall in einen Manchesterkapitalismus mit völliger Deregulierung erleben. Das Ende der staatlichen Modelle als Verheißung kann der Beginn der staatsfernen Selbstorganisation werden. "Der Sozialismus als Wirklichkeit kann nur erlernt werden; der Sozialismus ist wie jedes Leben ein Versuch: die Abwechslung in der Arbeit, die Rolle der geistigen Arbeit, die Form des bequemsten und unbedenklichsten Tauschmittels, die Erneuerung der Erziehung, all das wird Wirklichkeit, indem es verwirklicht wird, und wird durchaus nicht nach einer Schablone geordnet werden. Wir wollen die Genossenschaften zu großen Versuchen bringen. Wir wissen, daß das ein Weg aus dem Kapitalismus weg ist, und daß jeder Weg einen Anfang hat. Der Sozialismus wird nicht aus dem Kapitalismus heraus-, er wird ihm entgegenwachsen, wird sich ihm entgegenbauen: Hier oder nirgends ist Amerika - was wir nicht jetzt, im Augenblick tun, tun wir gar nicht."
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